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Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz

Definition

Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz (neuere Bezeichnung für „atypischer Gesichtsschmerz“) ist definiert als Gesichtsschmerz, der nicht die Charakteristika einer Neuralgie besitzt und nicht durch eine andere (neurologische) Erkrankung bedingt ist. Der Schmerz ist täglich vorhanden, überwiegend kontinuierlich, einseitig und schlecht lokalisierbar. Sensibilitätsstörungen oder andere Ausfälle liegen nicht vor. Zusatzuntersuchungen, inklusive Röntgendiagnostik von Gesicht und Kiefer, sind meistens unauffällig. Eine Verletzung oder Operation von Gesicht, Kiefer und Zähnen kann den Schmerz aber ursprünglich einmal ausgelöst haben.

 

Diagnostik

Die Diagnose stützt sich auf die Anamnese sowie einen unauffälligen Untersuchungsbefund. Charakteristisch ist ein überwiegend einseitiger Dauerschmerz, der schlecht lokalisierbar ist und typischerweise Auge, Nase, Wange, Schläfe und Kiefer betrifft. Die Oberkieferregion ist bevorzugt; ein Seitenwechsel und ein Auftreten an mehreren Stellen gleichzeitig sind möglich. Der Schmerz unterbricht den Schlaf nur selten und ist tagsüber kontinuierlich mit wechselnder Intensität vorhanden. Der Schmerz wird oft als tief und bohrend beschrieben. Manche Patienten beschreiben ihn auch als quälend oder zermalmend. Einschießende Sekundenschmerzen und Triggerzonen wie bei der Trigeminusneuralgie treten nicht auf. Sehr häufig wird jedoch von den Patienten eine Verschlimmerung der Schmerzen durch Kälteeinwirkung beschrieben. Sensible Ausfälle sind meistens nicht vorhanden.

 

Apparative Untersuchungen

Zum Ausschluss von behandelbaren Ursachen für Gesichtsschmerzen sind je nach Lokalisation augenärztliche, Hals-Nasen-Ohren-ärztliche oder zahnärztliche Untersuchungen mit entsprechender bildgebender Diagnostik erforderlich. Dabei ist aber stets kritisch zu überprüfen, ob ein krankhafter Untersuchungsbefund dann tatsächlich auch ursächlich mit dem Gesichtsschmerz in Zusammenhang steht.

 

Ursachen

Manche Autoren nehmen eine psychogene Ursache an. Viele Patienten haben aber ein Trauma oder Operationen im HNO- oder Zahn-, Mund- und Kiefergebiet mit danach anhaltenden Schmerzen hinter sich, wobei diesbezüglich dann Verletzungen der Nervenenden diskutiert werden. Allerdings ist oftmals auch ein vorhandener Schmerz der Auslöser für die erste Operation, dessen ursprüngliche Ursache wiederum unklar ist. Nach invasiven Eingriffen an Zähnen (z.B. Extraktion, Wurzelspitzenresektion, Wurzelkanalbehandlung) kann sich eine lokalisierte Form des Gesichtsschmerzes entwickeln, die sogenannte „atypische Odontalgie“, bei der ein dem Phantomschmerz vergleichbarer krankhafter Mechanismus angenommen wird (Türp 2005).
Bei einem Teil der Patienten liegen zusätzliche Schmerzsymptome vor, wie chronischer Rücken- oder Nackenschmerz, eine Myoarthropathie des Kausystems, Migräne, ein Colon irritabile oder eine Dysmenorrhö (Feinmann 1993).

 

Therapie

Ein ausführliches Aufklärungsgespräch stellt bei Patienten mit langer Vorgeschichte und frustranen diagnostischen Prozeduren bzw. ebenso frustranen Therapieversuchen (Antibiotika wegen „Sinusitis“, Extraktion gesunder Zähne) den ersten therapeutischen Schritt dar. Dabei muss klargestellt werden, dass beim anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz eine organische Schmerzursache nicht fassbar ist, wiederholte apparative Untersuchungen nicht zweckmäßig sind und operative Eingriffe ohne eine klar fassbare schmerzassoziierte Läsion nicht durchgeführt werden dürfen, zumal sie die Beschwerden sogar unterhalten können.

 

Pharmakotherapie

Ein Therapieversuch mit einem trizyklischen Antidepressivum sollte analog zum Kopfschmerz vom Spannungstyp (s. entsprechende Leitlinie) und anderen chronischen Gesichtsschmerzen (Sharav et al. 1987) gemacht werden (Guler et al. 2005). Venlafaxin zeigte in einer kleinen kontrollierten Studie eine mäßige Wirkung bei der Behandlung des anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz (Forssell et al. 2004). Alternativ kann Duloxetin verwendet werden.
Antikonvulsiva wie Carbamazepin, Oxcarbazepin, Gabapentin, Pregabalin oder Topiramat (Volcy et al. 2006) können ebenfalls versuchsweise eingesetzt werden, ggf. auch in Kombination mit einem Antidepressivum.

 

Verhaltenstherapie, Hypnose

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen werden empfohlen, um Ängste abzubauen und den Patienten zu einer realistischeren Schmerzeinschätzung und zur Schmerzbewältigung zu verhelfen (Paulus et al. 2002). Hypnose führte in einer einfach blinden Studie nach 4 Wochen zu mehr Schmerzlinderung als Entspannungstraining (Abrahamsen et al. 2008).

 

 

Aus: „Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie“, Kapitel „Kopfschmerzen und andere Schmerzen“ von Frau Prof. Dr. Claudia Sommer, Neurologische Klinik der Universität Würzburg, für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) im September 2012
http://www.dgn.org/leitlinien/11-leitlinien-der-dgn/2365-ll-53-2012-anhaltender-idiopathischer-gesichtsschmerz

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